Hallo Ihr Lieben,

die letzten Tage haben mich ziemlich umgetrieben, wie vielleicht einige von Euch. Dieser Artikel war ursprünglich einmal vor der Wahl geplant. Er hat inzwischen mehrere Fassungen hinter sich. Wenn Ihr ihn lest, hat er es tatsächlich nach draußen geschafft. Dies ist meine Methode der Verarbeitung. Ich hoffe, Ihr habt für Euch auch eine passende gefunden.

Inzwischen geht es nicht mehr um die Frage, ob die AfD in Sachsen-Anhalt stark werden könnte. Sie ist stärkste Kraft geworden. Es geht nun darum, was dieses Ergebnis bedeutet, welche Regierung daraus entstehen kann und wie die demokratischen Parteien damit umgehen.

Dieser Text ist deshalb keine abschließende Antwort. Er ist die Einleitung in einen politischen Herbst, dessen Verlauf noch offen ist.

Wie konnte eine Partei, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird, stärkste Kraft werden, obwohl die deutsche und sachsen-anhaltische Geschichte besonders sensibel für autoritäre und nationalistische Versuchungen machen müsste?

Eine Antwort darauf kann nicht bei einer einzigen Ursache stehen bleiben. Sie muss die politische Lage nach der Wahl betrachten, die Regierungsbildung, die sozialen Sorgen der Menschen, die Verantwortung der Bundesregierung und die politische Erzählung, mit der die AfD unterschiedliche Konflikte miteinander verbindet.

Ein Wahlergebnis als politische Zäsur

Am 6. September 2026 hat Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt. Nach dem vorläufigen Ergebnis wurde die AfD mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft. Die CDU erreichte 17,2 Prozent, die SPD 9,3 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen 8,9 Prozent und Die Linke 8,6 Prozent. Das BSW kam auf 5,3 Prozent und zog damit in den Landtag ein. Die FDP scheiterte mit 2,6 Prozent an der Fünfprozenthürde. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent. (Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, 2026; Tagesschau, 2026a)

Die AfD erhält 39 der insgesamt 83 Sitze. Die CDU kommt auf 15 Sitze, SPD, Grüne und Linke jeweils auf acht Sitze. Das BSW stellt fünf Abgeordnete. Für die absolute Mehrheit wären 42 Sitze erforderlich. Die AfD hat damit einen historischen Wahlerfolg erzielt, kann aber nicht allein regieren. (Tagesschau, 2026a)

Auch die übrigen Parteien bilden rechnerisch kein einfaches Gegenmodell. CDU, SPD, Grüne und Linke kommen zusammen auf 39 der 83 Sitze und verfügen damit ohne das BSW über keine eigene Mehrheit. Das BSW besitzt mit fünf Abgeordneten eine Schlüsselposition, wenn eine Regierung ohne AfD gebildet werden soll. (Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, 2026; Tagesschau, 2026a)

Die bisherige Regierungskoalition aus CDU, SPD und FDP ist beendet. Die FDP ist nicht mehr im Landtag vertreten. Die Landesregierung bleibt geschäftsführend im Amt, bis ein neuer Ministerpräsident gewählt ist. (Tagesschau, 2026a)

Zahlen allein erklären allerdings noch nicht die politische Bedeutung. Eine Partei, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird, hat 43,8 Prozent der Zweitstimmen erreicht. Das ist keine normale Oppositionsstärke – es ist eine politische Zäsur: die Normalisierung rechtsextremer Positionen in einem Land mit dieser Geschichte.

Damit ist nicht gemeint, dass sich Geschichte wiederholt. Die Wahl von 2026 ist nicht mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 gleichzusetzen. Die historischen Situationen, politischen Institutionen und gesellschaftlichen Bedingungen sind andere.

Aber die deutsche Geschichte verpflichtet dazu, rechtsextreme Machtgewinne, völkische Ideologien, die Abwertung von Minderheiten und Angriffe auf demokratische Institutionen besonders ernst zu nehmen.

Nicht alle Menschen, die AfD gewählt haben, sind Rechtsextremisten. Nicht alle kennen das vollständige Parteiprogramm. Nicht alle verfolgen dieselben politischen Ziele. Manche wollten andere Parteien abstrafen, manche stimmten aus Protest, manche wegen bestimmter Forderungen, andere aus Überzeugung.

Aber eine Stimme für die AfD ist trotzdem nicht politisch bedeutungslos. Wer diese Partei wählt, stärkt eine Organisation, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird. Die Motive einzelner Wählerinnen und Wähler können unterschiedlich sein. Die politische Wirkung der Stimme bleibt dennoch bestehen.

Das ist keine Gleichsetzung aller AfD-Wählenden mit Nationalsozialisten oder überzeugten Rechtsextremisten. Es ist aber eine Frage politischer Verantwortung.

Die AfD will regieren, aber zu ihren Bedingungen

Vor der Wahl hatte Siegmund eine Alleinregierung angestrebt. Kompromisse mit anderen Parteien wollte er vermeiden. (Tagesschau, 2026a) Nach dem Wahlergebnis musste die AfD feststellen, dass ihr drei Sitze zur absoluten Mehrheit fehlen. Siegmund erklärte anschließend, die AfD führe Gespräche mit Abgeordneten verschiedener Parteien. (Tagesschau, 2026a; ZDFheute, 2026a)

Ulrich Siegmund beansprucht den Regierungsauftrag, erklärte aber, nur antreten zu wollen, wenn die AfD «für ihre Kernpunkte eine Mehrheit» gewinne – Migration, innere Sicherheit, Wirtschaft. Diese Bedingung schafft ein Dilemma: Regierungsanspruch, aber zentrale Forderungen nicht verhandelbar. (ZDFheute, 2026a; MDR Sachsen-Anhalt, 2026a; AfD Sachsen-Anhalt, 2026a)